Die KI-Panik ebbt ab, die Tech-Giganten erleben ein „heftiges Comeback“: Ist es die Rückkehr der Könige oder nur ein Strohfeuer?
Sind die enormen Kapitalinvestitionen im Bereich der KI lediglich „Geldverbrennung“ oder eine langfristige „Investition in Wertschöpfung“? Der Markt hat innerhalb von zwei Wochen eine vorläufige Antwort darauf gegeben.
German durch die App von Zhitong Caijing: Microsoft (MSFT.US) verzeichnete im Laufe des Jahres einen Kursrückgang von bis zu 19 %, ist nun aber wieder im Plus. Amazon (AMZN.US) legte im Jahresverlauf um 18 % zu. Sind die enormen Investitionen im Bereich AI schlichtweg „Geldverbrennung“ oder eher langfristige Wertschöpfung? Der Markt hat innerhalb von zwei Wochen eine vorläufige Antwort geliefert.
Innerhalb von nur zwei Wochen wandelte sich die Markstimmung dramatisch, von „das Platzen der AI-Blase“ zu „die Rückkehr der Tech-Giganten“.
Microsoft veröffentlichte am 29. Juli nach US-Börsenschluss die Quartalszahlen, am Folgetag sprang der Aktienkurs um 16 % nach oben. Amazon präsentierte am 30. Juli die Quartalszahlen, der Aktienkurs stieg am folgenden Handelstag um 15 %. Innerhalb der sechs Handelstage seit dem 29. Juli kletterte der Kurs von Microsoft um insgesamt 28 %, Amazon um insgesamt 20 %. Der gemeinsame Börsenwert der beiden Konzerne stieg um 1,3 Billionen US-Dollar.
Vor der Veröffentlichung der Quartalsberichte hatte Microsoft im laufenden Jahr einen Gesamtrückgang von 19 % verbucht und war damit die größte Belastung für den S&P 500 Index; nach dem Bericht drehte die Jahresperformance auf +3,4 %. Der S&P 500 erklomm zuletzt ein neues Allzeithoch, Microsoft war dabei die treibende Kraft.
Amazon hatte sich im bisherigen Jahresverlauf meist schlechter als der Gesamtmarkt entwickelt, weist nun aber ein Plus von 18 % auf und ist das fünftgrößte Index-Schwergewicht für den Aufwärtsbewegung.
„Die aktuelle Marktsituation ist äußerst verrückt.“ Arup Datta, Portfoliomanager bei McKenzie Investment und Halter der beiden Aktien, kommentierte: „Die Stimmung schwankt extrem, der Markt wechselt blitzschnell zwischen den Phasen – manchmal sogar übertrieben.“
Der Nasdaq 100 stieg vier Handelstage in Folge, eine der volatilsten Phasen der Geschichte

Cloud-Geschäft als Rückhalt: Massive AI-Ausgaben erstmals „gerechtfertigt“
Der Kernfaktor für die Wende der Marktstimmung waren die aktuellen Quartalszahlen von Microsoft und Amazon.
Im vierten Quartal stieg Microsofts Azure-Cloud-Umsatz im Jahresvergleich um 43 % – das höchste Wachstum seit Anfang 2022. Amazons AWS-Cloud-Geschäft wuchs im zweiten Quartal um 37 % gegenüber dem Vorjahr und beschleunigte damit das Wachstum im fünften Quartal in Folge. Das starke Wachstum im Cloud-Bereich hat die Investoren dazu gebracht, die hohen AI-Investitionen der Giganten neu zu beurteilen.
Tom Plumb, Präsident und Fondsmanager von Wisconsin Capital Management, erklärte: „Der Markt kommt zunehmend zu der Erkenntnis, dass die Investitionen der großen Tech-Unternehmen klaren Prinzipien folgen. Microsoft und Google geraten erstmals wegen schwerer Investitionen in den AI-Bereich ins Minus beim Cashflow, doch die aktuellen Erwartungen für das Cloud-Geschäft decken die kurzfristigen Kosten.“ Er hält Microsoft, Amazon und die Muttergesellschaft von Google, Alphabet (GOOGL.US), langfristig.
Die unterschiedliche Wahrnehmung der Kapitalausgaben zeigt sich deutlich am Beispiel Alphabet. Deren Quartalsbericht von vor zwei Wochen offenbarte starke Cloud-Daten, wurde aber durch hohe Investitionen und schrumpfenden Free Cashflow überschattet; der Aktienkurs fiel am Folgetag um 7,1 %, sprang dann auf das beste Niveau seit Juni. Diese Woche verließen mehrere wichtige AI-Mitarbeiter das Unternehmen, woraufhin die Aktie wieder schwächelte, da der Markt befürchtet, dass Personalmangel die Forschung behindern könnte. Dennoch liegt Alphabet im Jahresverlauf weiterhin mit über 14 % im Plus.
Dreifache Impulse für die Erholung: Bewertungsanpassung, Entschuldung, makroökonomische Erholung
Die Rallye der Tech-Aktien ist nicht durch einen einzelnen günstigen Faktor getrieben, sondern das Ergebnis mehrerer zusammenwirkender Entwicklungen.
Erstens, im Vorfeld der Quartalsberichte wurden die Bewertungen der Unternehmen deutlich zurückgefahren, was die Attraktivität erhöhte. Vor den Zahlen lagen die erwarteten KGVs für Microsoft und Amazon in den nächsten 12 Monaten bei unter 20 – etwa auf dem Niveau des S&P 500. Im Fünfjahresschnitt lag das KGV von Microsoft bei 28, das von Amazon bei 34. Sogar nach der Rallye beträgt das KGV des Nasdaq 100 nur 22.
„Für eine Branche mit hohem Wachstum ist das relativ günstig bewertet,“ meint Ed Yardeni, Präsident und Chefstratege von Yardeni Research, der auch künftig großes Aufwärtspotenzial für Tech sieht.
Ein weiterer positiver Faktor sind die Daten von Goldman Sachs Brokers: Die Gesamthaltung in den „Big Seven“ der Techbranche (Microsoft, Amazon, Alphabet, Apple, Meta Platforms, Nvidia und Tesla) ist noch relativ gering. Das deutet auf weiteren Spielraum für Käufe.
Zweitens: Hochleveragete Fonds wurden zur Schließung gezwungen und die negative Wirkung damit bereinigt. Zuvor hatte der hochverschuldete Fund von Leopold Aschenbrenner, der Situational Awareness Fund, zwangsweise AI-Positionen verkauft – das verstärkte den Abwärtsdruck. Der Nasdaq 100 fiel vom Juni-Hoch bis zum 29. Juli um insgesamt 11 %, eine deutliche Korrektur, die anschließend Raum für eine Erholung bot.
Starke Erholung der Big Tech treibt den Nasdaq 100 vier Tage in Folge nach oben

Michael O’Rourke, Chief Market Strategist bei Jonestrading, kommentierte: „Das Ereignis um den Situational Awareness Fund war klar ein kurzfristiger Liquidierungsfall. Ein weiterer Impuls waren die Quartalszahlen von Microsoft und Amazon – entscheidend ist das erwartungskonforme Umsatzwachstum im Cloud-Bereich.“
Drittens: Makrorisiken haben sich temporär beruhigt. Die optimistische Stimmung über die Wiederöffnung der Straße von Hormus führte zum Rückgang der Ölpreise. Doch am Donnerstag verkündete Iran die grundsätzliche Einigung mit Oman zur Wiedereröffnung, wobei US- und israelische Schiffe ausgeschlossen sind, woraufhin die Ölpreise wieder stiegen und den S&P 500 erneut belasteten. Gleichwohl hat sich das allgemeine Risikoverhalten im Markt deutlich verbessert.
Hinter der Euphorie lauern Risiken
Doch nicht jeder ist von der Erholung überzeugt.
O’Rourke äußerte: „Das ist kein gesundes Marktverhalten, eher eine Erholung im Bärenmarkt, sämtliche Aufwärtsbewegungen erfolgen in wenigen Tagen. Ich sehe keine massive institutionelle Nachfrage nach diesen Mega-Caps, vielmehr treiben quantitative Gelder, passive Indizes und Optionsspekulationen die Bewegung. Auch Privatanleger zeigen ein ausgeprägtes Herdenverhalten.“
Er betonte zudem, dass die eigentlichen Belastungsfaktoren für die Tech-Aktien – hohe Kapitalausgaben, Druck auf den freien Cashflow – weiterhin bestehen: „Der Unterschied ist, dass die Cloud-Umsätze die Berechtigung dieser Ausgaben teilweise belegen.“
Kurzfristig liefern die Wachstumszahlen im Cloud-Geschäft harte Fakten für AI-Investitionen der Tech-Giganten. Ob der Markt von „Explosionsanstieg in wenigen Tagen“ zum „stetigen Aufwärtstrend“ wechseln kann, muss in weiteren Quartalen bewiesen werden.
Der Weg zur „Selbstbestätigung“ der Tech-Giganten hat gerade erst begonnen.
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